Marta

03.12.2019

Etwas niedergeschlagen ging Marta über den menschenleeren Platz. Sie hatte eine Nachtschicht hinter sich, die Augen fielen ihr schon fast zu. Sie guckte auf die Uhr - es war halb sechs. Ich muss zuhause sein, ehe die Kinder aufwachen, ging ihr durch den Kopf. Ihr Tempo verdoppelte sich. Es dauerte nicht lange und sie stand vor der Wohnungstür. Aus einer schwarzen, glänzenden Handtasche nahm sie einen Schlüssel heraus und schloss auf. Marta schlich hinein, sie atmete kaum. Aus dem kleinen Kinderzimmer ertönte nichts als ein leises, regelmäßiges Atmen. Schnell schlüpfte sie ins Badezimmer, duschte sich, schminkte sich ab und zog sich eine Jogginghose und ein lockeres, weißes T-Shirt an.

"Mami?" ertönte Annas noch etwas verschlafene Stimme. "Gleich bin ich da."

Alle Sachen, inklusive der Handtasche, stopfte sie schnell in eine Plastiktüte und kam aus dem Bad. Anna war schon angezogen und wartete am Tisch.

"Eine Sekunde, dann bin ich bei dir." Marta eilte in ihr Zimmer, die Plastiktüte versteckte sie unter dem Bett, dann kam sie zurück in die Küche.

"Willst du zum Frühstück lieber einen Joghurt oder Brot?" "Eher 'n Brot."

"Und mit was soll es sein?" "Haben wir Salami oder Schinken?" Marta warf einen Blick in den Kühlschrank. "Ja, haben wir." Sie holte auch Butter heraus und machte das Frühstück.

"Danke, Mami", erwiderte Anna, als sie das Brot bekam.

"Schreibt ihr heute was?" "Ja, wir schreiben 'n Test von Mathe." "Und kannst du's?" "Ne, Mathe ist nicht gerade mein Lieblingsfach, das weißt du doch."

"Dann lern' aber bitte für den nächsten Test, ich will nicht, dass du schlechte Noten hast."

"Jaja," sagte Anna etwas genervt.

"Dann geh ich jetzt Tom wecken." Marta ging ins Kinderzimmer, wo gegenüber Annas Bett der vierjährige Tom schlief. Sie setzte sich auf den Bettrand und strich ihm über die Haare. "Tom, steh auf, du musst in den Kindergarten." Dem Jungen fiel das Aufstehen schwer, er wusste jedoch, dass es ihm eh nicht helfen würde zu widersprechen, und so gab er nach.

"Komm, zieh dir hier die Hose an und dieses gestreifte T-Shirt." "Ne, ich will das mit Spiderman!" "Aber das hast du doch immer an, kannst du nicht heute zur Abwechslung das Gestreifte anziehen?" Tom schüttelte den Kopf. Marta spürte einen plötzlichen Müdigkeitsschub. Sie hatte zwei Möglichkeiten - entweder würde sie ihm das T-Shirt aufzwingen, aber dann würde die Situation mit einem Streit enden, oder sie gibt auf und erlaubt ihm das Spiderman T-Shirt. Sie entschied sich für die zweite Variante und war zufrieden, als sie ein dankbares Lächeln auf Toms Gesicht sah.

"Was willst du zum Frühstück, Joghurt oder Brot?" Tom überlegte eine Weile. "Hmm, wahrscheinlich 'n Joghurt." "Gut, dann stell ich ihn dir auf den Tisch, jetzt geh ich mich von Anna verabschieden." Als sie aus dem Zimmer trat, wartete Anna bereits, fertig vorbereitet, an der Tür. "Mach's gut, Anna." Sie umarmte sie. "Und sag mir dann, wie der Mathe-Test ausgefallen ist." "Klar, Mami. Tschüss."

Sobald die Tür zufiel, machte sich Marta daran, das Frühstück für Tom vorzubereiten. Sie holte einen Joghurt aus dem Kühlschrank, stellte ihn auf den Tisch, legte einen kleinen Löffel dazu und setzte sich.

Die Kinderzimmertür ging auf und Tom kam heraus. Zwar noch sichtlich verschlafen, aber wenigstens angezogen. Er setzte sich auf einen Kinderstuhl und fing an, den Joghurt zu essen. "Mami?" Keine Reaktion. Er versuchte es noch einmal, diesmal lauter. "Mami?!" Marta wachte auf. "Ja, Spatz? Ah, Entschuldigung, ich bin ein bisschen müde." "Warum?" "Na, weißt du, ich hab' zu viel gearbeitet."

"So, Tom, iss den Joghurt auf, wir putzen schnell die Zähne und fahren dann zum Kindergarten." "Na gut." Marta putzte ihm die Zähne. Dann verließen sie gemeinsam die Wohnung, Marta schloss noch zu, dann gingen sie zum Auto. Sie schnallte Tom an, setzte sich hinter den Lenker und fuhr los. Im Nu waren sie beim Kindergarten.

Sie ging mit ihm bis vor das Gebäude. "Mami, darf ich von hier schon alleine gehen?" Marta musste schmunzeln. "Na klar darfst du." Sie gab ihm noch einen Abschiedskuss. "Ich hol' dich um vier ab, okay?" "Ja."

"Dann tschüss." "Tschüss Tom." Tom verschwand im Kindergarten.

Marta ging zurück zum Auto, sie war furchtbar müde. Nach Hause schaff ich's hoffentlich noch. Sie stieg ins Auto und fuhr nach Hause. Nachdem sie die Treppen hinaufgestiegen war und die Tür aufschlossen hatte, fiel sie, noch angezogen, ins Bett und schlief sofort ein.

Sie wachte erst um drei Uhr auf. Als sie auf die Uhr guckte, erschrak sie ein wenig, wie lange sie geschlafen hatte. Mist, bald muss ich Tom abholen. Sie stand auf und machte sich einen Kaffee. Für eine Weile setzte sie sich hin und leerte die Tasse in ein paar Zügen. Dann stand sie auf, holte aus der Schublade einer alten Kommode ein Notizbuch und fing an, gedankenlos darin zu blättern. Auf einmal fiel ein Foto aus dem Notizbuch, das sie und ihren Mann zeigte, als sie mit Anna schwanger war. Ach, Georg, jetzt würde ich dich brauchen. Willst du nicht einfach zu mir und den Kindern zurückkommen, ich glaub', sie wären auch froh. Manchmal träume ich noch von dir, auch wenn es schon so lange her ist. Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, warum wir uns damals getrennt haben. Aber ich lieb' dich immer noch.

Sie legte das Foto zurück ins Notizbuch, die schmerzhafte Erinnerung konnte sie aber nicht verdrängen. Mit dem Lösen eines Kreuzworträtsels versuchte sie sich abzureagieren. Wieder warf sie einen Blick auf die Uhr - viertel vor vier. Marta packte die Schlüssel, schloss die Wohnung zu, raste die Treppen herunter, startete das Auto und fuhr zum Kindergarten. Um fünf nach vier kam sie an. So schnell wie möglich rannte sie zum Gebäude, sie wollte ihren Sohn nicht enttäuschen. Tom war schon angezogen und wartete mit der Erzieherin bei der Tür. "Entschuldigung, dass ich so spät komme, ich weiß, ich habe versprochen, dass ich um vier hier sein werde." "Kein Problem, das macht nichts. Mir passiert das auch manchmal," verkündete Tom. Die Erzieherin und Marta mussten lachen. "Tschüss," verabschiedete sich die Erzieherin. "Tom, was sagt man da?" "Auf Wiedersehen."

Sie fuhren ab. Auf dem Weg erzählte er Marta, dass ihm der heutige Kompott nicht so geschmeckt hat, dafür war das Mittagessen ziemlich gut - es gab Knödel mit Schweinefleisch und Sauerkraut. Nach dem Mittagessen mussten sie schlafen gehen, das war schrecklich, weil er gar nicht müde war und er lieber mit dem grünen Traktor gespielt hätte.

Zuhause spielte sie mit ihrem Sohn Mensch-ärgere-dich-nicht. Das war sein Lieblingsspiel, das er stundenlang spielen konnte. Und wirklich, sie hörten erst um halb sieben auf, als Anna vom Schachkurs, in den sie gleich nach der Schule ging, nach Hause kam.

"Und, hast du diesen Jan besiegt?" "Welchen Jan?" "Na den, der von sich so viel hält." "Meinst du Gustav?" "Ja, dann Gustav."

"Ne, ne, hab' ich nicht, zuerst sah's für mich ziemlich gut aus, ich hab' ihm sogar zwei Läufer, 'n Turm und mehrere Bauern weggenommen. Aber dann ist es irgendwie schief gelaufen, na und am Ende hat er mir Schachmatt gegeben." "Dann kriegst du ihn vielleicht nächstes Mal dran, ich werde dir die Daumen drücken." "Und wie war der Test?" "Keine Ahnung, hoffentlich wird's 'ne drei." "Das wär' gut, die Hauptsache ist ja, dass du den Jahrgang schaffst."

Sie aßen zusammen Abendbrot, dann brachte Marta Tom zu Bett. "Mami?" "Ja, was ist denn?" "Könntest du mir bitte noch ein Märchen vorlesen?" "Na gut" erwiderte sie. Aus einem Bücherregal holte sie ein großes, verziertes Märchenbuch und fing an, das Märchen vom Wassermann vorzulesen. Sie las das Märchen jedoch nur bis zur Hälfte, Tom war eingeschlafen. Also klappte sie das Buch zu, streichelte ihm noch einmal über die Wange und schlüpfte dann leise aus dem Zimmer.

"Und, hast du schon ein'n Film ausgesucht?" fragte sie Anna. "Ja, heute läuft ein Bondfilm mit diesem neuen Schauspieler, das könnte interessant sein." "Puh, ich weiß nicht, ob das meine Nerven noch mitmachen. Wir können's ja versuchen und wenn ich es nicht mehr aushalten kann, guckst du's alleine zu Ende, okay?" "Okay" Zum Schluss sah sie den ganzen Film mit, er gefiel ihr sogar ziemlich, das überraschte sie ein wenig.

"So, jetzt müssen wir schlafen gehen, es ist schon ziemlich spät." "Ich geh schon. Dann, gute Nacht, Mami." "Gut' Nacht, Anna. Wann stehst du morgen auf?" "Na, so wie heute, also um sechs." "Okay, ich bereite dir dann wieder das Frühstück vor." Anna ging schlafen. Marta ging in ihr Zimmer, ans Schlafen dachte sie aber nicht. Sie wartete eine Stunde, und als sie sich sicher war, dass Anna schlief, zog sie sich eine rote Lederjacke an, tauschte die Jogginghose gegen einen Minirock und schminkte sich. Sie nahm auch die glänzend schwarze Handtasche und schlich aus der Wohnung. Marta überquerte den Platz und bog in eine kleine Gasse ein, die voll mit roten Lichtern war. Wie ich das hasse! Aber ich muss Tom und Anna irgendwie durchbringen.

Sie biss die Zähne zusammen und trat in eines der Häuser. Drinnen war einiges los. Marta ging an die Bar und bestellte sich einen Cocktail.

"Ah, Marta, ich hab dich schon erwartet," ertönte die Stimme ihres Chefs, der aus irgendeinem Hinterzimmer auftauchte. "Heute wird's wild, also bereite dich schon mal drauf vor." Marta gab keine Antwort, sie nickte nur. Es dauerte nicht lange, dann betrat ein dicker Mann mit längeren, fettigen, nach hinten gekämmten Haaren das Lokal. "Guten Tag, welche darf's denn heute sein, Herr Meyer?"fragte Martas Chef mit einschmeichelndem Ton.

"Ich will diese." Mit seinem fleischigen Finger zeigte er auf Marta...

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